Im ersten Teil ging es um die Basics: Was Claude kann, wie ein Prompt aufgebaut ist, wo die Grenzen liegen. Dieser Teil geht einen Schritt weiter. Es geht um Leute, die Claude nicht mehr als Textfeld benutzen, sondern als System, das mitdenkt, sich erinnert und eigenständig Aufgaben abarbeitet. Der Unterschied zwischen beiden Nutzungsarten ist größer, als die meisten annehmen.
Wer Claude nur für einzelne Fragen öffnet, kopiert die Antwort raus und schließt den Tab wieder, nutzt vielleicht zehn Prozent dessen, was möglich ist. Der Rest liegt in drei Dingen: persistentem Kontext, wiederverwendbaren Skills und Verbindungen zu den Tools, die man ohnehin täglich benutzt.
Warum Gedächtnis der eigentliche Hebel ist
Ein Chat ohne Kontext fängt bei null an. Jedes Mal erklärst du, wer du bist, was dein Unternehmen macht, wie du schreibst, was du hasst. Das kostet Zeit und liefert trotzdem inkonsistente Ergebnisse, weil du beim dritten Mal etwas anders formulierst als beim ersten.
Die Lösung ist unspektakulär: einfache Textdateien, die Claude bei jeder Aufgabe automatisch mitliest.
about-me.md hält fest, wer du bist – Rolle, Branche, Zielgruppe, was für dich bei einer Analyse zählt und was nicht. Claude benutzt das als Linse für jede Anfrage, nicht nur für Texte.
anti-ai-writing-style.md ist eine Verbotsliste. Wörter wie „in der heutigen schnelllebigen Zeit“ oder „Synergien heben“ kommen da nie wieder raus. Dazu Regeln zu Satzlänge, Absatzstruktur, ob du geduzt oder gesiezt schreibst.
CLAUDE.md liegt im Projektordner selbst und wird automatisch geladen, sobald du dort arbeitest. Projektziele, Namenskonventionen, Ordnerstruktur, Farben, Schriften, die wichtigsten Befehle – alles, was sich sonst in jedem neuen Chat wiederholt.
Der Punkt dabei: Du schreibst diese Dateien einmal und pflegst sie nach. Merkst du nach fünf Texten, dass Claude einen Ton trifft, den du nicht willst, korrigierst du die Datei – nicht den nächsten Prompt.
Skills: Prozesse, die man einmal baut und dann abruft
Ein Skill ist im Grunde ein Ordner mit einer Anleitung, die Claude eine feste Fähigkeit beibringt: eine Excel-Tabelle nach einem bestimmten Muster bauen, einen Text in ein bestimmtes Social-Format bringen, eine Analyse nach festen Kriterien durchführen. Der Clou: Claude liest die volle Anleitung erst, wenn du den Skill per Befehl aufrufst oder die Aufgabe ihn erfordert. Das spart Kontextspeicher und macht die Antworten konsistent, weil derselbe Prozess jedes Mal gleich abläuft.
Einmal eingerichtet, reicht ein kurzer Prompt wie „Erstelle den Wochenbericht“ oder „/postgrader“, und Claude weiß, welche Schritte in welcher Reihenfolge zu tun sind – inklusive Formatierung, Tonfall und Prüfkriterien, die du vorher festgelegt hast.
Fünf Beispiele aus der Praxis
Eine Website in einem Nachmittag statt in einer Woche. Der Kanal Metics Media zeigt im Video „Build $10,000 Websites using Claude Code“ den kompletten Workflow: Claude Code wird mit zwei Design-Skills ausgestattet – dem offiziellen Frontend-Design-Skill von Anthropic und UI UX Pro Max mit 50 Stilen, 21 Farbpaletten und 50 Schriftkombinationen. Statt einer aufwendigen React-Architektur entscheidet sich Claude für eine schnelle, statische Seite, ergänzt um Referenzbilder von Dribbble und Awwwards sowie fertige Komponenten von 21st.dev. Am Ende steht ein Live-Deploy auf einer eigenen Domain, mehrere Polish-Durchgänge inklusive. Der Prompt, der das anstößt, folgt demselben Muster: „Baue mir eine Landingpage im Stil von [Referenz], nutze diese Farbpalette, prüfe danach live im Browser auf Darstellungsfehler und behebe sie.“
Eine Content-Pipeline mit sieben virtuellen Mitarbeitern. Sabrina Ramonov, laut eigenen Angaben eine der meistgefolgten AI-Educators weltweit, verwaltet ihre gesamte Content-Produktion über mehrere definierte Sub-Agenten: Channel Analyst, Trend Scout, Script Writer, Post Grader und weitere – nachzulesen in ihrem Claude-Code-Tutorial. Ihr Workflow ist unspektakulär: Screenshots und Fotos landen unsortiert in einem Ordner, Claude liest den Ordner aus, ein Agent schreibt den Entwurf, ein anderer bewertet ihn nach einer festen Rubrik und schickt ihn bei Bedarf zurück. Über Blotato laufen die fertigen Posts automatisiert auf mehrere Plattformen. Der Grader-Prompt könnte so aussehen: „Bewerte diesen Tweet-Entwurf nach Hook-Stärke, Klarheit und Call-to-Action auf einer Skala von 1 bis 10. Nenne konkret, welcher Satz die Punktzahl drückt, und schlage eine Alternative vor.“
Ein Lernspiel ohne eine einzige eigene Zeile Code. Sam Illingworth, der zu kritischer KI-Kompetenz forscht, wollte ein interaktives Spiel bauen, das zeigt, warum KI-Detektoren unzuverlässig sind und wen sie besonders oft zu Unrecht belasten. Er beschrieb im Dialog das Gamedesign, die Dilemmata, zwölf Szenarien – Claude Code übernahm die technische Umsetzung komplett. Das fertige Spiel „Flagged“ lässt Spielende als Assistenzprofessor zwölf studentische Arbeiten mit einem KI-Detektor bewerten und macht dabei erfahrbar, dass jede Falschmeldung eine echte Person trifft. Entscheidend war hier nicht technisches Wissen, sondern eine klare Beschreibung dessen, was das Spiel leisten soll.
Ein Offline-Dashboard für Fitnessdaten. Kevin Chromik beschreibt in seinem Video „Claude Code hat mein Leben verändert (5 krasse Beispiele)“, wie er seine Garmin-Trainings- und Schlafdaten per Skript herunterlädt, lokal von Claude Code auswerten lässt und daraus ein eigenes Dashboard baut – ohne Cloud-Abo des Herstellers. Claude erkennt Leistungstrends in den Rohdaten und leitet daraus Trainingsempfehlungen ab, die auf den tatsächlichen Werten basieren statt auf generischen Plänen.
Ein Second-Brain-Dashboard für zwanzig parallele Projekte. Ein Product Leader dokumentiert im Detail, wie er für über zwanzig Projekte je eine einfache Markdown-Datei in Obsidian pflegt – nachzulesen in seinem Artikel „I Built a Mission Control Dashboard with Claude Code to Manage 20+ Projects“. Am Ende jeder Arbeitssitzung tippt er „/update“ – Claude liest den aktuellen Stand, prüft Git-Commits und Logdateien, um den echten Fortschritt zu messen, und aktualisiert die Datei. Morgens läuft automatisch ein Startskript, das Deadlines prüft und ein farbcodiertes Dashboard anzeigt: grün für erledigt, gelb für in Arbeit, rot für überfällig. Der Startprompt dafür liest sich etwa so: „Scanne alle Projektdateien in diesem Ordner, gleiche Deadlines mit dem heutigen Datum ab und zeig mir ein Dashboard: grün = erledigt, gelb = in Arbeit, rot = überfällig. Nenne bei Rot den Grund.“
Die drei technischen Säulen dahinter
Wer verstehen will, warum das alles funktioniert, muss drei Begriffe kennen:
MCP (Model Context Protocol) ist der offene Standard, über den Claude sich mit externen Tools verbindet – Google Drive, Slack, Gmail, eigene Datenbanken. Claude liest Daten direkt aus diesen Systemen, verarbeitet sie lokal und schreibt das Ergebnis zurück, ohne dass du Daten manuell hin- und herkopierst.
Skills sind die wiederverwendbaren Playbooks, wie oben beschrieben – eine Fähigkeit, einmal definiert, beliebig oft abrufbar.
Plugins bündeln mehrere Skills, Skripte und die passenden MCP-Verbindungen zu einer fertigen Spezialisten-Rolle. Ein Ads-Plugin etwa liefert alles, was für ein automatisiertes Werbe-Audit über mehrere Plattformen nötig ist, in einem Paket.
Wo du anfängst
Du brauchst für den Einstieg nicht alle drei Säulen gleichzeitig. Der sinnvollste erste Schritt ist fast immer der Kontext: eine about-me.md, eine Stildatei, vielleicht eine Projektdatei für die Sache, an der du gerade arbeitest. Der Effekt ist sofort spürbar, weil Claude ab dem zweiten Chat weiß, wer du bist, ohne dass du es erklärst.
Skills lohnen sich, sobald du eine Aufgabe zum dritten Mal auf dieselbe Art erledigst – dann lohnt es sich, den Prozess einmal festzuhalten, statt ihn jedes Mal neu zu formulieren.
Was davon für dich zuerst Sinn ergibt, hängt davon ab, was bei dir am meisten Zeit frisst: ein wiederkehrender Textprozess, eine Datenauswertung oder die Verwaltung mehrerer Projekte gleichzeitig. Sag Claude, welcher Bereich das bei dir ist, dann baut es die passende Ordner- und Skill-Struktur direkt für Dich auf.
Hier sind drei der stärksten und nützlichsten Prompts aus der Praxis, die du direkt kopieren, anpassen und in Claude einfügen kannst. Sie basieren auf den bewährten Methoden von KI-Top-Nutzerin und -Nutzern (wie Ruben Hassid, Timo Mason und Iman Oubou) und decken die wichtigsten Säulen der Contenterstellung und Arbeitssteuerung ab:
Prompt 1: Der „Frage-mich-zuerst“-Sicherheitsgurt (Für jeden Chat-Start)
Die meisten Menschen machen den Fehler, Claude eine Aufgabe zu geben und sofort ein fertiges Ergebnis zu erwarten. Das führt fast immer zu generischem „KI-Slop“. Dieser Prompt zwingt Claude, innezuhalten, dich strategisch zu interviewen und erst nach deinem expliziten Feedback zu liefern.
Ich möchte [DEIN ZIEL, z. B. einen Fachartikel über das Thema X schreiben], um [DEIN ERFOLGSKRITERIUM, z. B. meine Expertise bei B2B-Kunden zu untermauern].
Bevor du mit der Erstellung oder Planung beginnst, lies diese Anforderungen. Nutze dann das Tool `AskUserQuestion` (oder stelle mir die Fragen direkt hier im Chat), um mich gezielt zu interviewen.
Stelle mir nacheinander (nicht alle auf einmal!) 5 bis 7 klärende Fragen zu meiner Zielgruppe, dem genauen Kontext, meinen Kernbotschaften und gewünschten Beispielen. Nimm meine Antworten als Kontext und erstelle erst einen groben Entwurf, bevor du den finalen Text schreibst.
(Basiert auf den Best Practices zum Bypassen von Standard-Antworten und dem gezielten Abfragen von Kontext.)
Prompt 2: Der „Dream/Pain Stack“ Hook & Post-Generator (Für LinkedIn & Social Media)
Die stärksten Hooks auf LinkedIn kombinieren das größte Wunschziel deiner Zielgruppe (Dream) mit dem größten Schmerz oder Hindernis, das sie unbedingt vermeiden wollen (Pain). Dieser Prompt nutzt diese psychologische Dynamik, um extrem konvertierende Beiträge zu schreiben.
Du bist ein erfahrener Direct-Response-Copywriter und Experte für virales Marketing. Deine Aufgabe ist es, basierend auf meinem Thema hochgradig fesselnde Hooks und LinkedIn-Beiträge zu generieren.
THEMA: [Z. B. KI-Automatisierung für Agenturen]
ZIELGRUPPE: [Z. B. Inhaber von Marketing-Agenturen]
Schritt 1 – Dream/Pain-Analyse: Identifiziere das absolute Wunschziel (#1 Dream) der Zielgruppe im Bezug auf das Thema sowie das größte Hindernis (#1 Pain), das sie auf dem Weg dorthin vermeiden wollen. Kombiniere beide zu einer "Dream/Pain-Stack"-Formel (Beispiel: "X erreichen, ohne Y tun zu müssen").
Schritt 2 – Hook-Generierung: Schreibe basierend darauf 5 extrem kurze, knackige Hook-Varianten (maximal 8 Wörter pro Hook).
Schritt 3 – Beitrags-Entwurf: Schreibe einen vollständigen LinkedIn-Post basierend auf der stärksten Hook. Halte dich an diese harten Regeln:
- Kurze Absätze (maximal 3 Sätze) und stark variierende Satzlängen für einen natürlichen, menschlichen Rhythmus.
- Nutze KEINE typischen KI-Floskeln (wie "delve", "unlock", "leverage", "in der heutigen digitalen Welt").
- Nutze KEINE Gedankenstriche (Em-Dashes) und keine typischen Dreier-Aufzählungslisten.
- Schließe mit einem klaren, kurzen Call-to-Action (CTA) ab.
(Basiert auf Iman Oubous „Dream/Pain Stack“-Formel und Ruben Hassids „Anti-AI-Writing-Style“ zur Eliminierung maschineller Muster.)
Prompt 3: Der „Reader-First“ Article-to-Post Repurposer (Aus lang mach kurz)
Wenn du einen langen Blogartikel, ein Newsletter-Kapitel oder ein Skript hast, neigen KIs dazu, beim Zusammenfassen deine persönliche Geschichte in den Vordergrund zu stellen. Dieser Prompt formatiert deinen Text so um, dass er sich radikal auf den Nutzen für den Leser fokussiert.
Du bist ein brillanter Content-Strategist. Nimm den unten angehängten Text und wandle ihn in einen prägnanten LinkedIn-Post um, der sich zu 100 % auf das Interesse und den direkten Nutzen des Lesers konzentriert – nicht auf meine persönliche Geschichte.
TEXT:
[FÜGE HIER DEINEN ENTWURF ODER DEINEN ARTIKEL EIN]
FRAMEWORK FÜR DEN POST:
1. Der Hook (unter 8 Wörtern): Ein konträrer, überraschender oder datengetriebener Einstieg, der den Leser sofort stoppt.
2. Der Kern (Nutzen): Bringe die Kernaussage des Textes in 2 bis 3 absolut glasklaren, praktischen Takeaways auf den Punkt.
3. Der Schreibstil: Variiere die Satzlängen massiv (schreibe kurze, fast fragmentarische Sätze neben längeren). Nutze eine direkte, persönliche Ansprache. Vermeide jegliche werbliche Aufblähung oder KI-typische Übergänge.
(Basiert auf Timo Masons Ansatz, Content konsequent um das Leserinteresse herum zu strukturieren, anstatt die eigene Geschichte in den Fokus zu rücken, kombiniert mit kurzen LinkedIn-Hooks.)
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