Totaler Stillstand, und dann KI

Im März 2025 hat es mich aus dem Nichts erwischt. Von einem Tag auf den anderen funktionierte meine linke Seite nur noch geringfügig. Bis kurz vor Weihnachten habe ich in Krankenhaus und Reha verbracht, fast das komplette Jahr. Laufen geht inzwischen wieder, mit Hilfsmitteln und auf kurzen Strecken. Der linke Arm und die linke Hand sind bis heute unbrauchbar. Diesen Text hier tippe ich mit einer Hand, und wer es gewohnt ist, flüssig mit beiden Händen zu schreiben, kann sich vorstellen, wie nervig das ist. Jeder dritte Buchstabe sitzt daneben, jede Korrektur kostet Zeit, die ich vorher nie eingeplant hätte.

Was so ein Jahr Reha eigentlich bedeutet, wissen die wenigsten, die es nicht selbst erlebt haben. Man stellt sich Therapie vor, vielleicht ein bisschen Langeweile. Tatsächlich ist es vor allem eines: Wartezeit. Zwischen Übungen, zwischen Untersuchungen, zwischen Mahlzeiten, die man mit fremder Hilfe isst. Der Tag hat Termine, aber dazwischen liegen Stunden, die niemand für einen ausfüllt. Ich habe früh gemerkt, dass ich mit dieser Leere entweder etwas anfange oder von ihr aufgefressen werde.

Fotografieren, meine eigentliche Leidenschaft, war keine Option. Man kann mit einer Hand halbwegs eine Kamera bedienen, aber die Feinmotorik für Bildaufbau, für das Gefühl, das ich brauche, war weg. Also blieb ein Laptop, ein funktionierendes rechtes Handgelenk und sehr, sehr viel Zeit.

Ich habe angefangen, mich mit generativer KI zu beschäftigen, und zwar nicht aus Interesse an einem Trendthema, sondern aus einer ziemlich banalen Notlage heraus. Wenn Tippen mit einer Hand eine Qual ist, dann interessiert man sich plötzlich sehr genau dafür, wie gut Spracheingabe wirklich funktioniert, wie zuverlässig ein Modell einen Gedanken zu Ende bringt, den man selbst nicht mehr flüssig tippen kann. Aus einem Behelfsmittel wurde ein Werkzeugkasten. Aus dem Werkzeugkasten wurde eine Beschäftigung, die mich über Monate getragen hat.

Ich habe ausprobiert, was ging. Texte diktiert und von Modellen glätten lassen, Bildgeneratoren getestet, weil ich nicht mehr fotografieren konnte, aber trotzdem etwas Visuelles produzieren wollte. Ich habe angefangen, Workflows zu bauen, kleine Automatisierungen, die mir Dinge abnahmen, die früher zwei Hände gebraucht hätten. Aus zwanzig Jahren IT-Erfahrung wurde plötzlich kein Ballast, sondern die Grundlage dafür, dass ich verstand, was unter der Haube passiert, während andere noch fragten, ob ChatGPT jetzt Skynet ist.

Das Bett im Reha-Zimmer stand nicht im Weg. Es war der Schreibtisch. Ich habe Kapitel diktiert, die ich sonst getippt hätte. Ich habe mit verschiedenen Modellen verglichen, welches am ehesten meinen Ton trifft und welches nach Werbetext klingt. Ich habe gelernt, wie man einem System beibringt, nicht wie ein System zu klingen, was sich als überraschend meta herausstellte, wenn man den ganzen Tag ohnehin nichts anderes zu tun hat als über die eigene Situation nachzudenken.

Es gab Tage, an denen das alles wie eine Beschäftigungstherapie wirkte, ein Pflaster auf einer Wunde, die sich nicht mit Software kitten lässt. Das stimmt auch. Aber es hat mir etwas zurückgegeben, das die Reha selbst nicht liefern konnte: das Gefühl, dass mein Kopf noch arbeitet, auch wenn der Körper streikt. Krankengymnastik trainiert Beine und Schultern. Niemand hat mir gezeigt, wie ich mit einer Hand wieder produktiv werde. Das musste ich mir selbst erarbeiten, und generative KI war das Werkzeug, mit dem das ging.

Rückblickend war die Reha das Jahr, in dem ich vom interessierten IT-Menschen, der KI aus der Ferne beobachtet, zu jemandem wurde, der täglich damit arbeitet, sie in eigene Projekte einbaut und ihre Grenzen kennt, weil er an sie gestoßen ist. Kein Erweckungserlebnis, eher ein langsames Reinrutschen, begünstigt von der Tatsache, dass ich schlicht nichts Besseres zu tun hatte als um sechs Uhr morgens wach zu liegen und Prompts zu testen, während der Rest der Station noch schlief.

Ich fotografiere immer noch nicht wieder. Die linke Hand ist immer noch nicht zu gebrauchen. Aber ich habe aus diesem Jahr etwas mitgenommen, das mehr wert ist als die Zeit, die es gekostet hat: eine Arbeitsweise, die nicht mehr an zwei funktionierenden Händen hängt. Das ist keine schöne Geschichte über Überwindung, dafür bin ich zu nüchtern. Es ist eher eine Feststellung: Wenn einem der Körper die gewohnten Werkzeuge nimmt, findet man andere, wenn man Zeit genug hat und einen Grund, sie nicht zu verschwenden.

Die Reha hatte mir Zeit gegeben, die ich nicht wollte. Was ich damit gemacht habe, wollte ich.

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